Überlingen: Kriminalpolizei schließt Brandstiftung aus
Bei einem Wohnhausbrand in Überlingen sind heute Morgen mindestens elf Menschen verletzt worden. Einige erlitten Rauchvergiftungen oder wurden bei ihrer Flucht aus dem Haus verletzt. Ein Mann musste ins Krankenhaus gebracht werden. Vorsätzliche Brandstiftung schließt die Kriminalpolizei mittlerweile aus.
Wie die Feuerwehr Überlingen mitteilt, konnte sie per Drehleiter neun Personen aus dem brennenden Haus retten, denen der Fluchtweg über das Treppenhaus abgeschnitten war. "Als die Feuerwehr eintraf schlugen aus dem ersten Obergeschoss die Flammen zwei Meter waagrecht heraus. In den oberen Geschossen standen Bewohner am Fenster und schrien um Hilfe", berichtet Stadtbrandmeister Andreas Löhle die dramatischen Szenen.
"Das war eine der größten Herausforderungen in der Altstadt in den letzten Jahren", sagte Löhle auf einer Pressekonferenz am Mittwoch Mittag
Feuer brach kurz nach Mitternacht aus
Das Feuer im 1. Obergeschoss eines denkmalgeschützten Altbaus war am Mittwoch kurz nach Mitternacht von einem Nachbarn bemerkt worden, der daraufhin die Polizei alarmierte. Beim Eintreffen der ersten Rettungskräfte stand das erste Obergeschoss bereits lichterloh in Flammen, außerdem hielten sich zu diesem Zeitpunkt noch mehrere Personen in den Wohnungen des Altbaus auf und mussten von der Freiwilligen Feuerwehr Überlingen über Drehleitern gerettet wurden, teilt die Polizei mit.
Ein 22-jähriger Mann wurde bewusstlos in seiner Wohnung aufgefunden und musste wiederbelebt werden. Er wurde, wie auch vier weitere Hausbewohner im Alter zwischen 12 und 37 Jahren, mit Verdacht auf Rauchgasvergiftungen stationär im Krankenhaus aufgenommen. Der Zustand des jungen Mannes ist „kritisch“, wie dem SÜDKURIER mitgeteilt wurde. Zwei Bewohner zogen sich leichte Verletzungen an den Sprunggelenken zu, als sie sich aus dem Gebäude retteten. Vier weitere Personen, darunter eine Nachbarin sowie zwei Polizeibeamte, erlitten leichte Rauchgasvergiftungen. Die Ermittlungen zur Brandursache, die noch nicht geklärt ist, hat die Kriminalpolizei übernommen.
Sämtliche Abteilungen im Einsatz
Wie die Pressestelle der Feuerwehr mitteilt, waren bei dem Einsatz sämtliche Abteilungen im Einsatz, Unterstützung kam von den Wehren aus Uhldingen und Markdorf sowie von 45 Helfern des Deutschen Roten Kreuzes aus Überlingen und Salem. Als erste vordringliche Maßnahme der Feuerwehr unter der Einsatzleitung von Stadtbrandmeister Löhle erfolgte die Menschenrettung der Bewohner aus dem Gebäude mittels des Drehleiterfahrzeuges und mehrerer tragbarer Leitern. 14 Personen wurden aus dem Gebäude gebracht, teilt die Feuerwehr mit. Von den zwölf verletzten Personen wurden vier Bewohner durch das Deutsche Rote Kreuz am eingerichteten Verbandsplatz ambulant behandelt.
Neben der Menschenrettung leitete die Feuerwehr eine massive Brandbekämpfung ein. Sowohl von der Franziskaner Straße, als auch vom rückwärtigen Bereich des Altstadthauses vom Münsterplatz aus bekämpften Atemschutztrupps im Gebäudeinneren das Großfeuer. Hierzu mussten auch Böden und Decken geöffnet werden. Es galt auch, ein Übergreifen des Feuers auf die umliegenden Gebäude des eng bebauten Altstadtquartiers zu verhindern. Hierzu wurde auch ein weiteres Drehleiterfahrzeug in Stellung gebracht, das aus Uhldingen-Mühlhofen angefordert wurde. Ein Druckbelüfter wurde frühzeitig eingesetzt, um den dichten Rauch aus dem Gebäude zu bekommen. Der in Markdorf stationierte Atemschutzgerätewagen des Bodenseekreises wurde angefordert, um den Bedarf an Atemschutzflaschen sicherzustellen.
Letzte Glutnester wurden gelöscht
Nachdem das Großfeuer erfolgreich bekämpft wurde, erfolgten die Nachlöscharbeiten. Mittels Wärmebildkamera wurden Glutnester in den Zwischendecken gesucht und abgelöscht. In den frühen Morgenstunden konnte ein Großteil der eingesetzten Einsatzkräfte wieder abrücken. Zur Verhinderung einer erneuten Brandausbreitung wurde von der Feuerwehr eine Brandwache gestellt. Zur Beurteilung der Standfestigkeit des schwer beschädigten Gebäudes wurde ein Baustatiker vom Technischen Hilfswerk aus dem Landkreis Konstanz angefordert. Die Einsatzarbeiten wurden vom Kreisbrandmeister Nöh beaufsichtigt.
Bürgermeister Brettin weilte ebenfalls an der Einsatzstelle. Die Feuerwehr Überlingen war mit 95 Personen im Einsatz. Es waren mehre Notärzte und zwei Rettungswagen des DRK aus Überlingen sowie weitere Rettungswagen aus Stockach, Salem und Markdorf eingesetzt. Die Schnelleinsatzgruppen des DRK aus Überlingen und Salem waren eingesetzt. Insgesamt waren 45 Einsatzkräfte des DRK an der Einsatzstelle. Die Polizei war mit neun Beamten im Einsatz. Der Bereitschaftsdienst der Stadtwerke wurde angefordert, um das Brandhaus stromfrei zu schalten und die Gasversorgung zu unterbrechen. Der städtische Bauhof begann am Vormittag mit den Absicherungsarbeiten am Brandhaus. Das Gebäude ist nicht bewohnbar. Die Stadtverwaltung koordiniert die Wohnraumversorgung der Hausbewohner.
Vorsätzliche Brandstiftung schließt die Kriminalpolizei, die die Ermittlungen zur Brandursache aufgenommen hat, mittlerweile aus. Näheres wird ein Sachverständiger ermitteln. Wie die Kripo mitteilte, sei eine "massive Brandzehrung" festzustellen, was die Suche nach der Brandursache entsprechend erschwert.
Das Ganze in Zahlen:
Lagebericht der zuerst eintreffenden Rettungswagenbesatzung um 00:13 Uhr: Wohnung in Vollbrand, mehrere Personen eingeschlossen.
Eingesetzte Rettungsmittel
- Schnelleinsatzgruppe (SEG) Überlingen mit 13 Helferinnen und Helfern und 4 Fahrzeugen
- SEG Salem mit 23 Helferinnen und Helfern und 5 Fahrzeugen
- 3 Notärzte, davon 1 Leitender Notarzt (Dr. Mock)
- 1 Rettungswagen (RTW) Überlingen
- 1 RTW mit SEG-Besatzung aus Überlingen
- 1 RTW Salem
- 1 RTW Markdorf
- 1 RTW Stockach
- 1 Krankentransportwagen (KTW) der SEG Salemertal
Der Behandlungsplatz für die Verletzten wurde auf dem Landungsplatz eingerichtet, weil dieser gut für Rettungsmittel erreichbar ist, sowie gute Abtransportmöglichkeiten bietet.
In einem Zelt wurden dort 14 Patienten behandelt, 12 davon mussten in umliegende Krankenhäuser (Überlingen, Radolfzell, Stockach, Singen, Friedrichshafen) transportiert werden.
Hintergrundinformationen:
Der Einsatz vor Ort und der Rettungsmittel wurde mittels Einsatzleitwagen der SEG Überlingen koordiniert. Die Hauptaufgabe des sanitätsdienstlichen Einsatzleiters Jörg van de Loo bestand zunächst darin, den Behandlungsplatz auf dem Landungsplatz aufzubauen, die Patienten zu sichten und je nach Verletzungsschwere deren Abtransport in ein Krankenhaus zu organisieren. Dies geschah später in Zusammenarbeit mit dem LNA Dr. Mock. Zunächst mussten hierzu über die Integrierte Leitstelle in Friedrichshafen die Aufnahmekapazitäten der umliegenden Krankenhäuser abgeklärt werden.
Entsprechend der medizinischen Dringlichkeit wurde dann die zeitliche Reihenfolge des Abtransports und die Entfernung der Zielklinik festgelegt. Durch diese Vorplanung wird vermieden, dass es zu Versorgungsengpässen in den Krankenhäusern kommt. So wurde ein lebensgefährlich verletzter Patient, der zunächst wiederbelebt werden musste, ins Krankenhaus Überlingen transportiert, weil diese in kürzester Zeit erreichbar und dort auch die erforderliche Intensivmedizin verfügbar war.
Rauchgasvergiftungen
Alle Betroffenen erlitten eine leichte bis schwere Rauchgasvergiftung. Das Tückische an einer Rauchgasvergiftung ist die Tatsache, dass nach einer vermeintlichen Zustandsverbesserung, bei der sich der Betroffene subjektiv wohl fühlt, eine dramatische Verschlechterung der Lungentätigkeit eintreten kann, die im schlimmsten Fall zum Tod führt. Deshalb wurden auch im aktuellen Fall 12 von 14 Personen zur Beobachtung in eine Klinik eingewiesen.
Haupttodesursache bei Bränden sind nicht die Brandverletzungen an sich, sondern das Einatmen des Rauchgases. So sind 2004 in Deutschland 80% der 912 Brandtoten an einer Rauchgasvergiftung verstorben und nicht aufgrund ihrer Brandwunden.


